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Literaturtage "Erinnerungssturz - Bezeugte und erzählte Geschichte"

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Erinnerung vergisst, will vergessen und ist wählerisch. Sie verschiebt, überlagert, überschreibt und überblendet. Sie verändert, verzerrt und verformt, sie bejubelt

Erinnerung vergisst, will vergessen und ist wählerisch. Sie verschiebt, überlagert, überschreibt und überblendet. Sie verändert, verzerrt und verformt, sie bejubelt und sie schlägt kaputt, sie verhakt sich und verebbt, entschlüpft und verdeckt. Sie hüpft und stürzt ein, taucht auf und bringt zum Einsturz, manchmal, hören wir jüngst, selbst Denkmäler. In dem flimmernden Bewusstseinsakt, der Erinnerung genannt wird, lauert stets der Zweifel an der eigenen Wahrheit. Was sie erzählt, ist nicht allein Geschichte, und wie sie es erzählt, ist Teil des Erzählten. Vergangenheit, auf die Erinnerung blickt, ist auch nie ein Ganzes, wie das klassische Verständnis des Gedächtnisses als Speicher oder Archiv angenommen hat. Sie ist keine stabile Größe, auf die wir ungebrochen Zugriff hätten. Vielmehr stellt sich Vergangenheit in Brüchen und Fragmenten her, die in sich wieder Lücken und blinde Flecken haben und nicht gestellte Fragen an die Erinnerung enthalten. Worauf also verlassen wir uns, wenn wir fragen, was war, und wenn wir es erzählen? An welchem Punkt beginnt erfahrene Geschichte, wenn wir von früher erzählen und „damals“ sagen, „einmal“, „als“ und „später“? Es geht ja um Erfahrung, die wir in Sinn verwandeln wollen, wenn wir erzählend in die Vergangenheit schauen und sie in die Gegenwart herein holen. Woraus entsteht dann erinnerte Vergangenheit? Wie verwandelt sich Gedächtnis in ein Erzählen und in Literatur? Mit der Gedächtniskultur, der die Literaturtage Lana seit Jahren und jenseits der kulturkritischen Klage, dass das Gedächtnis schwinde, folgen, gehen wir davon aus, dass in jede Erinnerung die Erfahrung eines Jetzt und eines Damals ineinanderfließen, dass wir also Momente vom einen in die des anderen tragen und auf Gewesenes nicht zurückgreifen, als ob es irgendwo eingelagert und gespeichert wäre und uns als konserviertes, passives Objekt zur Verfügung stünde. Wenn wir es hervorholen, tun wir es mit dem, was uns jetzt an Wissen, Wahrnehmung und Erleben zur Verfügung steht und wir tun es mit den Fragen, die uns jetzt bewegen und in diese oder jene Vergangenheit zurück blicken lassen. PROGRAMM Montag, 24. August 2020, Eröffnung Raiffeisenhaus Lana, Andreas-Hofer-Straße 9 20.00: Begrüßung: LR Philipp Achammer, BM Dr. Harald Stauder, Präsident Prof. Elmar Locher Swetlana Alexijewitsch: Die letzten Zeugen (Hanser Berlin 2014) Video-Übertragung mit Ganna Maria Braungardt Einführung und Lesung: Martin Pollack Aufgrund der aktuellen Reisebestimmungen ist Swetlana Alexijewitsch nunmehr über Skype präsent. Dienstag, 25. August 2020 Schallerhof in der Vill, Raffeingasse 2 18.00: Anne Weber: Ahnen. Ein Zeitreisetagebuch (Luchterhand 2015) Einführung und Gespräch: Sabine Mayr 19.30: Cécile Wajsbrot: Zerstörung (Wallstein Verlag 2020) Einführung und Gespräch: Anne Weber 20.30: Géraldine Schwarz: Die Gedächtnislosen. Erinnerungen einer Europäerin (Secession Verlag für Literatur, 2018) Einführung und Gespräch: Klaus Hartig Mittwoch, 26. August 2020 18.00: Esther Kinsky: Schiefern (Suhrkamp 2020) Einführung: Christine Vescoli 19.00: Miron Białoszewski: Erinnerungen aus dem Warschauer Aufstand (Aus dem Polnischen und mit einem Nachwort von Esther Kinksy. Suhrkamp 2019) Einführung und Lesung: Esther Kinsky 20.00: Magdalena Tulli: Träume und Steine Übersetzung und Gespräch: Esther Kinsky